Dass das Sexualleben in einer Beziehung, die in der Krise steckt, meistens für Beide unbefriedigend ist oder gar nicht mehr stattfindet ist mehr als nachvollziehbar und verständlich. Es wäre sicherlich ein Wunder, wenn ausgerechnet die hochsensible Sexualität zweier Menschen von allen Störungen in einer Beziehung unbeeinträchtigt und "verschont" bliebe.

Doch es ist ein Phänomen, dass auch vermehrt Paare mit vermeintlich glücklichen oder guten Beziehungen in meine Praxis kommen, weil sie sich keinen Rat mehr wissen und Hilfe suchen.Blog image

Früher konnten sie die Finger nicht voneinander lassen - doch jetzt....Funkstille! Einer oder Beide haben schlichtweg keine Lust mehr auf Sex, aber auch sonstige Zärtlichkeiten werden kaum noch ausgetauscht obwohl doch alles andere in der Beziehung funktioniert. Insbesondere wenn einer Sex vermehrt "einfordert" und der andere ihn anscheinend "verweigert" kommen auch diese Paare oft unweigerlich dadurch in eine handfeste Krise und in eine Abwärtsspirale.

Dann kommen ängstliche Fragen und Zweifel auf:
Ist das noch normal oder der Anfang vom Ende?
Bin ich noch attraktiv und begehrenswert?
Wenn man sich liebt müsste man doch auch Lust haben....lieben wir uns also nicht mehr?
Warum weist er / sie mich ab? Was steckt wirklich dahinter? Hat er eine andere? Hat sie einen anderen?

In keinem anderen Bereich wie der Sexualität herrschen und kursieren so viele Vorannahmen und Halbwahrheiten, was "normal" ist und was nicht und dies verunsichert viele Menschen und durch die Instrumentalisierung von körperlicher Nähe und Sexualität geht manchmal auch der letzte Rest von Intimität und wahrem Kontakt verloren.
Ein Teufelskreis, den es möglichst schnell zu unterbechen gilt, möchte man wieder ohne Druck entspannt miteinander umgehen und Freude haben.

Partner, die in einer Beziehung weniger Lust haben sind ja nicht irgendwie "kaputt" und müssen repariert werden und dann ist alles gut.
Keine Lust zu verspüren ist genau so "normal" wie das Gegenteil. Deshalb nützen auch "Hausaufgaben" und Übungen, wie von manchen Sexualexperten verordnet, wenig.
Wer keine Lust hat, dem nützen auch Pflichtübungen um Lust zu bekommen nichts. Es manifestiert sich dadurch lediglich der innere Zweifel, dass "keine Lust haben" nicht in Ordnung und damit anormal sei. Als ob Lust auf Sex ein ebensolches Grundbedürfnis wie Essen, Trinken und Schlafen ist.

Genausowenig hilft meistens der Versuch, Lust auf den Partner oder die Partnerin durch Reizwäsche oder den Einsatz von Sextoys zu bekommen. Im Gegenteil: meine Erfahrung zeigt, dass bei Paaren, die versuchen in so einem verfahrenen Stadium die Sexualität auf diese Art anzukurbeln, der Druck umso größer wird und damit die Chance auf unbeschwertes Beisammensein umso geringer.
Was bleibt ist häufig hinterher ein ungutes demütigendes Gefühl und ein noch weiteres Entfernen voneinander.

Wer keine Lust hat bestimmt das Geschehen ob er das will oder nicht. Eine sehr unangenehme Machtposition, die sich paradoxerweise nicht mächtig sondern eher unzulänglich oder wie ein Versagen anfühlt .

Und derjenige/diejenige, die drängt und einen "Korb bekommt"....fühlt sich ebenfalls häufig unzulänglich oder unattraktiv und abhängig von der Reaktion des anderen.

Also zwei Positionen mit ähnlichen Gefühle von Schwäche, Unzulänglichkeit, Versagen.

In offenen Gesprächen lassen sich in meiner Praxis meist schnell einige Mythen und Glaubenssätze identifizieren, die eine Annäherung erschwert haben. Durch die Möglichkeit in Anwesenheit einer Therapeutin offen über die eigenen Gedanken und Bedürfnisse sprechen zu können ohne Gefahr zu laufen, in übliche Streits und Verhaltensmuster zu fallen, fühlen sich viele Paare direkt befreiter und verstandener als üblich.
Auch das wachsende Verständnis für die Gefühle, das Verhalten und die Reaktionen des anderen entspannen die Situation zunehmend.

Im Laufe der Sitzungen lernen Paare stärker ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, zu beschreiben und zu äußern und vor allem "auszuhalten", dass die eigenen Bedürfnisse und Wünsche dem anderen vielleicht nicht gefallen, aber dennoch in Ordnung und schützenswert sind!
Der Weg zu einer glücklicheren Beziehung auch im sexuellen Bereich geht über den Weg zu sich selber, zurück zu seiner eigenen Mitte und Persönlichkeit und hin zum Verständnis und zur achtvollen Akzeptanz, dass der Partner möglicherweise anders tickt, aber ebenfallls in Ordnung ist wie er ist.
Dass Ablehnung genau wie Anziehung wenig mit dem anderen Partner zu tun hat sondern nur mit der Person, die diese Gefühle spürt.
Die eigenen Gedanken, Wertungen und Interpretationen machen meine Gefühle.
Fühle ich mich abgelehnt, weil mein Partner nicht mit mir schlafen will, habe ich ein Problem wenn ich mich erst besser fühle, wenn er dies tut. Dann brauche ich auch immer wieder diese Vergewisserung und doch wird es niemals "genug" sein. Das ist Abhängigkeit und ein gespiegeltes Selbstempfinden.
Die ganze Last für meine Befindlichkeit liegt dann bei meinem Partner und diese Last ist kaum von einem anderen Menschen zu tragen geschweige denn sorgt sie dafür, dass er mehr Lust entwickelt.
Erst wenn ich bereit bin die volle Verantwortung für meine Gefühle und Bedürftigkeit zu übernehmen kann sich in unserer Begegnung der Druck abbauen und können sich erst Tore für die nötige Intimität öffnen.

Dann ist der Weg frei zu einer ganz neuen für beide erfüllenden sexuellen Begegnung, die ihre Qualität nicht an vermeintlichen Normen misst sondern gekennzeichnet ist durch die Tiefe der Verbindung und Neugierde auf das, was es noch gemeinsam zu entdecken und zu erfahren gibt!